Der verkaufte Großvater

Der verkaufte Großvater im Theater Ansbach


Lacher am Abgrund


Latchinian inszeniert niederträchtige Trachten-Komik


ANSBACH – Die schwellenden Enzian-
Blüten auf dem Brecht-Vorhang
kann man getrost als bildliche Ironie-
Warnung nehmen. Übersetzt heißt die
ungefähr: Achtung, gleich kommt
„Der verkaufte Großvater“, deswegen
geht es hier alpenländisch zu – und
zwar bei vollem kritischem Bewusstsein.
Je näher man dann die fünf Riesen-
Enziane anschaut, desto ferner
schauen sie zurück, so fern wie Urwald-
Gewächse. Sehr exotisch. Wie
dieser „Großvater“ der Neuen Bühne
Senftenberg im Theater Ansbach.
Sewan Latchinian hat Anton Hamiks
Bauernschwank-Klassiker hinterlistig
runderneuert und einen doppelten
Boden samt Falltüren eingebaut.
Tobias Wartenbergs Bühnenbild
und Maria Frenzels Kostüme schwelgen
in rustikaler Heimatseligkeit und
erdigem Naturalismus. So wie Latchinian
das Erbschleicher-Stück zunächst
angeht, könnte fast eine depressive
Milieu-Studie folgen. Tut es
aber nicht. Der Schwank schlenkert
bis ins Groteske hinüber – und wieder
ins Bodenständige zurück.
Latchinian holt auch das Verdrängte
als bedrohliche Ahnung hervor: Er verortet
das Stück zu Zeiten des Zweiten
Weltkriegs. Er schließt es außerdem
an die Comedy-Gegenwart an und parodiert
mit seinen rotbackigen Schauspielern
die steifen Unbeholfenheiten
von Amateurdarstellern. Darum geht
es in Ordnung, wenn das Kunst-Alpenländische
aus der Niederlausitz mitunter
steif klingt. Aufs Ganze gesehen
macht das achtköpfige Ensemble seine
Sache gut, abgründig gut.
Der bittere Clou: Die edlen, wahren,
guten Dörfler, das sind hier die Klotzigsten,
die Eckigsten. Allen voran
stakst das jugendliche Liebespaar (Inga
Wolff und Benjamin Schaup). Die
Geschmeidigsten, fast möchte man
meinen: die Menschlichsten, das sind
hier die Gierigen und Gemeinen, kurz:
der Haslinger und seine Frau. Bernd
Färber und Catharina Struwe sind
herrlich in ihrer öligen Niedertracht.
Weil dem Großvater von Heinz Klevenow
das bajuwarisch Schlitzohrige
und auch das lässig Leutselige vollkommen
fehlen, wird Bernd Färber sogar
zum spielerischen Zentrum des
Stücks. Wie der um den Großvater und
seine Häuser buhlt, während draußen
die Panzer rollen und Propaganda aus
dem Volksempfänger dröhnt – das ist
schon finstere Komik. Ein Happy
End? Wer’s glaubt.

Thomas Wirth


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