Die Tochter des Ganovenkönigs
Die versuchte Scheidung von den Eltern
Julchen reicht es endgültig. An ihrem zwölften Geburtstag will sie sich von ihren Eltern scheiden lassen. Geht das überhaupt? Der Frage und warum das Mädchen mit dem goldenen Herzen nichts mehr mit ihren Erzeugern zu tun haben will, geht die Inszenierung von ,,Die Tochter des Ganovenkönigs“ in der Regie von Johan Heß an der Neuen Bühne nach. Das preisgekrönte Jugendstück des niederländischen Dramatikers und Regisseurs Ad de Bont kam am Wochenende in Senftenberg mit einer Doppelpremiere erfolgreich auf die Bühne.
Die Tochter des Ganovenkönigs (Juschka Spitzer) muss sich gegen ihren Vater (Bernd Färber) wehren. Foto: Steffen Rasche
Foto: Steffen Rasche
Die Studiobühne bietet mit fühlbarem engen Kontakt zwischen Darstellern und Zuschauern bei gleichzeitiger Tiefe für den Spielraum den vergnüglichen wie auch beängstigenden Rahmen für die dichte Inszenierung. Der Zuschauer kann der Handlung nicht entkommen. Muss er auch nicht, denn die erzählte Geschichte packt den jugendlichen wie den erwachsenen Zuschauer, wenn auch mit unterschiedlichen Assoziationen.
Anfangs etwas schleppend erzählerisch daherkommend, zieht das stetig temporeicher werdende Spiel ins Geschehen. 1995 hat Ad de Bont sein modernes Kindermärchen so dicht an der Realität geschrieben, dass es nicht wundert, dass er dafür den deutschen Kindertheaterpreis erhielt.
Julchen hat es eigentlich gut, die Eltern sind steinreich und sie lassen das Kind in Ruhe. ,,Ach, du lebst ja noch!“ Sie haben ja so viel zu tun. Ihr Vater, der Ganovenkönig, muss die Verbrechen organisieren, die Mutter die Bestechungen. Habgier, Ungerechtigkeit und Menschenverachtung machen ganz schön Stress.
Zwar wurden Julchens elf Geschwister rechtzeitig ,,verkauft“, aber die senile Großmutter muss noch als Altenmüll entsorgt werden und Julchen selbst nervt im Schloss mit ihren altbackenen, mitunter verschroben konservativ wirkenden und altklug formulierten Moralvorstellungen. ,,Ich will die Freveltaten meiner Eltern nicht mehr dulden.“ Sie kann nicht anders, sie hat ja ein goldenes Herz. Das jedoch wünscht sich der Ganovenvater zum 25. Dienstjubiläum. Ein anderes gibt es weit und breit nicht, hat der tolpatschig-korrupte Kommissar herausgefunden: also hilft nur Organtransplantation. Selbst wird Hand angelegt. Stopp. Zum Glück handelt es sich um ein Märchen!
Wie die Darsteller diese makaber schwarze Komödie nach der Dramaturgie von Igor Holland-Moritz spielerisch umsetzen, ist bemerkenswert. Juschka Spitzer plant mit naiv-kindlicher Ernsthaftigkeit den zahnspangenlispelnden Aufstand ganz korrekt. Bernd Färber glänzt als vor nichts zurückschreckender Ganovenkönig mit agiler Gewissenlosigkeit und Inga Wolff an seiner Seite als verführerisch aalglatte Schönheit nach allen Seiten. Herrlich: Catharina Struwe als dement-skurrile Großmutter, die gar nicht so dement ist, wie sich zeigt. Mit großem körperlichen Einsatz übersteht Marco Matthes als Kommissar alle perfiden Anschläge auf ihn. Und der wendige und auch in kriminelle Machenschaften verstrickte Richter Schielmann alias Friedrich Rößiger schielt nach dem Motto, ,,in einem Rechtsstaat ist alles möglich“, rechtzeitig gekonnt nach der Macht. ,,Der König ist tot, es lebe der König.“ Für die erwachsenen Zuschauer bietet das Stück herrlich ausgespielte Assoziationen zu vielen Schlechtigkeiten dieser Welt, Kinder werden mit Julchen auf Gerechtigkeit hoffen. Bühnengestaltung von Stephan Fernau mit überraschenden Ideen und fantasievoll-trashiger Kostümierung durch Anja Wendler verstärken den witzig-schwarzhumorigen Eindruck.
Für Julchen geht die Geschichte gut aus. Sie behält ihr goldenes Herz.
Aber was ist nun besser, schlechte oder gar keine Eltern zu haben? Das müssen die Kinder und Jugendlichen in den kommenden Vorstellungen in der Welt zwischen Gut und Böse entscheiden. Das Stück sollten jedoch unbedingt auch Erwachsene als makabre Persiflage auf politische und gesellschaftliche Erscheinungen unserer Welt anschauen.
Von Jürgen Weser
